1946
Tire Rebuild / MIP
Im Jahr 1945 beschlagnahmte die US Army rund zwei Drittel des ehemaligen MIAG-Geländes und richtete das Ober-Ramstadt Ordnance Tire Rebuild Depot, kurz Tire Depot, ein. Nun wurden keine Autos mehr gebaut, sondern Fahrzeuge gewartet. Als zentrale Einrichtung zur Instandhaltung und Logistik von Militärfahrzeugen aus ganz Westeuropa hatte das Werk Ober-Ramstadt eine wichtige wirtschaftliche und auch militärische Bedeutung.
Ab 1946 erfolgte hier zunächst die Runderneuerung von Gummi-Reifen. Hierzu zählten Luft- und Vollgummireifen für Land- und Luftfahrzeuge, aber auch Gummipolster für Panzerketten. Abnehmer waren nicht nur die US Army, sondern sämtliche alliierte NATO-Partner. In den Spitzenzeiten wurden hier Millionen von Gummiartikeln und Reifen verarbeitet.
Zunächst stand das Tire Depot für viele Jahrzehnte unter direkter Verwaltung der US-Streitkräfte, die hier zwei Instandhaltungs-Kompanien einquartierte. Das amerikanische Militärpersonal übernahm die logistischen Leitungsaufgaben. Die körperlich schwere Arbeit leisteten meist lokale Zivilarbeiter, zugezogene Vertriebene, sog. DPs, oder freigelassene Kriegsgefangene, sog. POWs, aus ganz Deutschland. Wie Gustav Rupietta oder Julius Wagner fanden viele von ihnen in Ober-Ramstadt ein neues Zuhause und arbeiteten mehr als 40 Jahre im Werk. Mit dem technologischen Fortschritt und der Einführung moderner Spezialmaschinen sank die Zahl der benötigten Arbeitskräfte über die Jahre jedoch kontinuierlich.
Eine erste Zäsur bildete die weitgehende Privatisierung des Depots im Jahr 1980. Nun übergab die US Army auch die Betriebsführung in die Hände der Mainz Industries Panzerwerke GmbH (MIP), einem halböffentlichen Konzern unter deutscher Leitung. Das US-Kommando vor Ort behielt sich lediglich die Kontrolle der Instandhaltungsprozesse vor, während der Militärstandort nun zu einer industriellen Zweigstelle der MIP wurde. Während die Aufgaben und Aufträge in der Zeit des Kalten Krieges kaum weniger wurden, leitete der Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges den Niedergang ein. Durch den zunehmenden Abzug alliierter und den Abbau der deutschen und europäischen NATO-Streitkräfte wurde die Arbeit weniger und rentierte sich bald nicht mehr. 1993 wurde der Standort Ober-Ramstadt schließlich aufgelöst.