Arbeiterinnen in der Munitionsfabrik
Da viele Männer an der Front waren, übernahmen immer mehr Frauen die Fabrikarbeit. Ohne industrielle Erfahrung und Ausbildung mussten sie im ungewohnten Umfeld an der Drehbank oder am Bohrwerk stehen und harte körperliche Arbeit verrichten. Auch bei der Munitionsfabrik in Ober-Ramstadt standen sie oft unter der Aufsicht und Anleitung der wenigen Männer, die entweder schon älter waren, kriegsversehrt oder wehruntauglich.
Ganz grundsätzlich übernahmen Frauen während des Ersten Weltkrieg nicht nur eine wichtige Rolle in der Kriegswirtschaft, sondern ersetzten die einberufenen Männer in vielen zuvor unzugänglichen Berufen und in fast allen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen. Sie ermöglichten damit den Erhalt des zivilen Lebens. So waren sie als Büroangestellte, Schaffnerinnen oder Postbotinnen im Einsatz, organisierten Suppenküchen, arbeiteten als Krankenschwestern in Krankenhäusern und Lazaretten oder wurden Lehrerinnen im Schuldienst.
Mit diesen Aufgaben war ein erster Ansatz einer Veränderung etablierter Geschlechterrollen im Alltags- und Berufsleben sichtbar, der jedoch nur von kurzer Dauer war. Nach dem Krieg wurden viele Frauen wieder von ihren Arbeitsplätzen verdrängt, um die heimkehrenden Soldaten in die Gesellschaft zu reintegrieren. Im gesellschaftlichen Bewusstsein blieb die hohe Leistungsbereitschaft der Frauen jedoch verankert. In Deutschland, wie in vielen anderen europäischen Ländern, erhielten Frauen nach 1918 das völlige Wahlrecht und auch die Emanzipationsbewegung der „Goldenen Zwanziger“ wäre ohne diese Entwicklungen wohl nicht möglich gewesen.