Lehrlinge
In den 1920er Jahren war die Ausbildung von Lehrlingen in der deutschen Automobilindustrie – also auch bei Röhr, Opel oder Adler – durch den Übergang von der handwerklichen Tradition zur industriellen Massenproduktion geprägt. Die Arbeits- und Lebensumstände der Lehrlinge waren von einer äußerst strengen, aber oft fürsorglichen Beziehung zu den Lehrherren bzw. dem Unternehmen geprägt. Disziplin, Pünktlichkeit und Gehorsam waren oberstes Gebot. Damals arbeiteten die 14- bis 16-jährigen Lehrlinge nicht selten über 50 Stunden pro Woche. Nur sonntags war frei. Sie aber nur ein geringes „Lehrgeld“, das kaum reichte, um über die Runden zu kommen. Der Werksmeister und Lehrherr kontrollierten auch, ob sich der Lehrling außerhalb der Firma gut benahm. Tat er es nicht, gab es Lohnabzug und nicht selten Prügel. Der Lehrmeister übernahm somit auch die Funktion einer Erziehungsperson, die oft wie eine zweite Vaterfigur war. Trotz der Härte bot diese patriarchale Fürsorge Sicherheit. Wer sich anpasste und die stark technisch geprägte Lehre erfolgreich abschloss, wurde meist als Facharbeiter übernommen und hatte einen angesehenen Arbeitsplatz in einem aufstrebenden Industriezweig.
Auch die Röhr-Auto AG und die Neue Röhr-Werke AG beschäftigten mehrere Lehrlinge, die nach ihrer Ausbildung im Unternehmen blieben. Das Unternehmen hatte aber keine Lehrlingswerkstatt. Daher erfolgte die Ausbildung in den einzelnen Werksbereichen. Die Lehrlinge arbeiteten trotz ihres jungen Alters oft als günstige Arbeitskräfte voll in der Produktion mit.
Einer der Röhr-Auszubildenden war Heinrich Bernhardt, der 1929 eine Lehre als Autoschlosser anfing. Er berichtete, dass die Ausbildung bei den Röhr-Werken hervorragend war. Die Lehrlinge hätten die einzelnen Abteilungen im Werk durchlaufen und dabei die Möglichkeit gehabt, sehr viel Erfahrung zu sammeln. So war es z. B. samstags ihre Aufgabe, die Werkstatt nach einer anstrengenden Arbeitswoche gründlich zu reinigen. Genau bei dieser Tätigkeit hatte Bernhardt eine Begegnung mit dem Direktor Hans Gustav Röhr, die er später so schilderte:
„Beim Aufräumen und Kehren hatte ich den Müll in eine Tonne geschüttet und wollte den aus der Werkstatt nach draußen tragen. Die Tonne schleppend wollte ich gerade die Werkstatttür aufmachen, als diese von der anderen Seite geöffnet wurde und zu meiner Überraschung stand der Direktor Hans Gustav Röhr vor mir. Ich bin natürlich ganz schön erschrocken und dachte, wenn der Chef persönlich vor dir steht, schaltest du besser den Rückwärtsgang ein. Als Hans Gustav Röhr bemerkte, dass ich zurückgehen wollte, hinderte er mich daran und hielt mir mit den Worten: „Mein Junge, wer die Last zu tragen hat, hat auch den Vorrang“ sogar die Werkstatttür auf. Die Begegnung mit unserem Chef Hans Gustav Röhr habe ich nie vergessen.“
Nicht immer war es im Werk so harmonisch. In der Übergangszeit zwischen der Insolvenz der Röhr-Werke und ihrer Neugründung kam es zum Aufruhr im Werk. Einiges Mobiliar und Werkzeug wurde wohl aus Sorge und Wut von jungen Mitarbeitenden zerschlagen. Dennoch wurden die Lehrlinge nicht entlassen, sondern mussten bis die neue Firma gegründet war, das Werksgelände aufräumen und Unkraut jäten.